Im
Anschluss an Kolmanskop stand unsere lange Tagesetappe zum Fischfluss an,
zur südlichsten Ecke Namibias, nahe der Grenze zu Südafrika.
Afrika, das zieht sich!
Zunächst
die B 4 zurück bis Aus.
Dort fahndeten Richard und Klaus nach unserem verlorengegangenen Reservereifen, leider ohne Erfolg. Sibille, Heide und ich machten in der
Zwischenzeit im lokalen Info-Centre Kaffeepause mit small talk. Dazu konnten wir uns anhand von Schautafeln in Sachen Wüstenpferde schlauer machen.
Von
Aus dann 160 km weiter B 4 durch den Bethanien Distrikt, immer parallel zu den neuen Eisenbahngleisen, auf denen aber offensichtlich kein Zug fährt, bis Seeheim.
Kurz davor Stopp an der Brücke über den hier die Straße kreuzenden Fish River, mit dem vergeblichen Versuch, unten am Ufer eine stattliche Pavianhorde zu fotografieren. Statt dessen eine schnell ins Gebüsch flüchtende Schlange. Anschließend die kurze kurvige Abfahrt nach Seeheim. Die Ortschaft, 1896 von der Schutztruppe gegründet, kannte einst gute
Zeiten. Heute liegt sie einsam in einer kleinen Schlucht am
Fisch-Fluss, bestehend nur aus dem altem Bahnhofsgebäude und dem
Film bewährten Seeheim Hotel, das sichtbar erweitert wurde. Obwohl "wie am Ende der Welt" gelegen, hat Sibille eine eigene Affinität zu Seeheim entwickelt, würde niemals daran vorbeifahren wollen. So kehrten wir als einzige Gäste auf einen schnellen, schmackhaften Imbiss auf der schattigen Hotelterrasse ein, hatten dabei Spaß mit dem zutraulichen
Hauspapagei, der uns lustige Kunststückchen am Treppengeländer vorführte.
Ab Seeheim beginnt die zum Fish River Canyon führende Pad C12. Auf dieser fuhren wir 80 km, immer den Zuggleisen nach Südafrika folgend, das Revier des Löwen-Flusses überquerend, bis Holoog. Die ehemalige Bahnstation nimmt man heute allenfalls noch am Namensschild auf den Gleisen wahr sowie wegen der zwei einsamen Schutztruppler-Gräber und des alten deutschen Kalkofens am Löwen-Ufer.
Von dort, in den Gondwana Canon Park hinein, die Klein Karasberge zur Linken, waren es noch 70 km C 12 und C 37 bis zum Fish River Canyon selbst.
Ohne Zweifel ist der Canyon eine der Hauptsehenswürdigkeiten und absolutes touristisches must Namibias. Mit über 160 km Länge, bis zu 27 km Breite und 550 m Tiefe gilt er nach dem Grand Canyon des Colorado in Arizona als zweitgrößter der Welt. Seine Besonderheit: Er entstand nicht allein durch Erosion, sondern zuvor durch Grabenbruch als sich sich der Urkontingent "Gondwana", der Afrika und Südamerika vereinte, auseinanderbrach. In seiner Tiefe mäandriert der zwischen Khomas-Hochland und Naukluft-Gebirge entspringende Fischfluss, mit 650 km der längste des Landes; er mündet weiter südlich im Oranje. Der Nama-Sage nach soll einst eine Riesenschlange auf ihrer Flucht vor Jägern die Kluft und Windungen des Canyon als Kriechspur hinterlassen haben. Das gesamte Gebiet um den Canyon steht mit Fish River Canyon Park und Gondwana Canyon Park unter Naturschutz nach dem Motto: „Gib der Natur zurück, was ihr gehört“. Wegen der durch spärlichen Regenfall verursachten Dürre und knappen Weide setzt man vorrangig auf Tourismus statt auf Viehwirtschaft, vermeidet so möglichst eine Konkurrenz zwischen Nutztieren und Wild um Wasser. Davon sollten wir noch später auf der Ökofarm in den Tirasbergen mehr erfahren.
Für Extremsportler: Je
nach Kondition können bis zu 85 km des Canyon vom nördliche
Aussichtspunkt beim Rastlager Hobas bis zum südlichen Kur- und
Ferienort Ai-Ais mehrtägig auf dem „Fish River Hiking Trail“
durchwandert werden. Vorausgesetzt, man ist angemeldet, wandert nicht
allein und weist ein Gesundheitsattest vor. Möglich auch, sich durch
Muli-Trekking die Abenteuerroute etwas zu erleichtern. In jedem Fall bleibt der trip
strapaziös und gefährlich. Zwar ist der durch Hardap- und Naute-Damm gestaute
Fischfluss zahmer geworden; gleichwohl ist er quasi
Entwässerungsgraben für das gesamte südliche Namibia. In der
Regenzeit können nach Wolkenbrüchen meterhohe Flutwellen durch die
Steilwände schießen. Ist man dann unten, besteht Lebensgefahr. In der
Vergangenheit gab es etliche Unfälle und Todesfälle. Noch im
letzten Jahr musste eine Wandergruppe in dramatischer Rettungsaktion
per Boot über den reißenden Fluss zum Notausstieg gebracht werden.
Der Canyon blieb wegen außergewöhnlicher Regenfälle längere Zeit
gesperrt. Ohnehin ist geführtes Wandern nur im namibischen Winter
erlaubt: „Day hikes or leisure walks down into canyon strictly
prohibited!“ Trost für Normal-Touristen wie wir es sind: Gerade eine relaxte
walking tour am Canyon-Rand beschert ein unvergessliches Panorama und einmalige Fotomotive!
Als
Wunsch-Unterkunft hatte Albert für uns die Canyon
Lodge reserviert.
Sibille und ich hatten dort vor Jahren begeistert gewohnt. Schon die
Anfahrt ist Naturerfahrung per se. Die lodge liegt harmonisch
einbezogen in die wunderschöne, mit Felsen und Findlingen übersäte
Landschaft. Sie wird ökologisch geführt nach dem Motto: „Der
Natur zurückgeben, was ihr gehört“.
Ihre strohgedeckten Chalets aus Naturfels selbst im Bade stehen so an den
Berg geschmiegt, dass man sie von der Pad D 324 kaum ausmacht. Das
renovierte Farmhaus aus dem Jahre 1910 der ehemaligen Farm Karios mit
gepflegtem Garten ist Mittelpunkt und Restaurant. Von der Terrasse
hat man einen schönen Blick in die Felslandschaft im Vorfeld des
Canyons. Allein der Fußweg zum Wohnhäuschen mit herum kletternden, neugierigen
Klippschliefern ist ein Erlebnis besonderer Art. Für uns hatte man
bewußt die ganz hinten im Tal liegenden Häuser Nr. 10 und 11 reserviert,
um uns einen noch eindrucksvolleren Ausblick zu geben. Heide und
Klaus wohnten etwas erhöht über uns, hatten Biervorrat organisiert. Unseren
sundowner genossen wir nach Südwester Art auf ihrer Terrasse: „Gesondheid,
lat hy val, waar hy wil“!
Am
nächsten Morgen holperten wir über die 20 km Pad zum Canyon. Zunächst war
permit-stop in Hobas Pflicht;
dann weiter über die geradelaufende, harte Waschbrett-Piste im Ai-Ais Richtersveld Nationalpark. Bis
zum Aussichtspunkt lässt der Canyon sich überhaupt nicht erahnen;
man fragt sich, wo er sich versteckt! Kommt man dann zum „Main
View Point“ und betritt die 2010 ausgebaute Terrasse, ist man sprachlos: Vor einem entfaltet sich
der gewaltige Canyon in voller Wucht und Dimension! Den grandiosesten Blick in die „Höllenkurve“ der Schlucht, auf
den wasserführenden, mäandrierenden Fish River und die
verschiedenen uralten Gesteinsschichten der Hänge hat man sicherlich
von hier aus sowie von der etwas entfernter gelegenen Felsnase
„Hikers`Point“.
Von dort steigen die Taldurchwanderer hinab. Gerade wurde eine Gruppe
Mutiger mit Gesang verabschiedet. Wir hatten Zeit, Lust und Kondition
genug, um zumindest den an der Abbruchkante entlangführenden
Trampelpfad zwischen beiden points selbst zu begehen. Achtung:
Immer Sicherheitsabstand zur Schlucht halten und beim Fotografieren stehen
bleiben! Am Hikers`Point holte uns Richard mit dem Auto ab. Zurück
bis Hobas nahmen wir den freundlichen Südafrikaner Robert mit, der
sich beim Abstieg ins Flusstal am Vortag sein Knie verletzt hatte und
nicht mit seiner Gruppe weitergehen konnte.
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